DIE OFFIZIELLE GESCHICHTE
DER WEIMARER REPUBLIK: KULTUR, WIRTSCHAFT UND LEBENSGEFÜHL
Die Gründung der Weimarer Republik war nicht von
Triumph geprägt, sondern von einem tiefen existenziellen Schock und der Asche
des imperialen Zusammenbruchs. Im November 1918, als Deutschland den Ersten
Weltkrieg verlor und Kaiser Wilhelm II. abdankte, befand sich das Land am
Abgrund eines Bürgerkriegs. Der offizielle Beginn der Republik wird mit dem 11.
August 1919 datiert, als die neue Verfassung in der kleinen,
kulturdurchtränkten Stadt Weimar unterzeichnet wurde. Dieser Ort wurde nicht
zufällig gewählt – Berlin glich zu jener Zeit einem Hexenkessel, der von
Spartakusaufständen und Straßenkämpfen zerrissen wurde. So wurde die ruhigere
Stadt von Goethe und Schiller zum Zufluchtsort für die Gestaltung der ersten
echten deutschen Demokratie. Diese fragile Ordnung währte vierzehn Jahre, bis
zum 30. Januar 1933, als die Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler die
Türen dieser liberalen Ära endgültig schloss.
Die Staatsführung basierte auf einer der
fortschrittlichsten, aber zugleich anfälligsten Verfassungen der Welt. Das
Weimarer Deutschland wurde von Präsidenten regiert: zuerst vom Sozialdemokraten
Friedrich Ebert, der versuchte, das Nachkriegschaos zu bändigen, und später vom
Kriegshelden und Symbol der alten Ordnung, Paul von Hindenburg. Das
parlamentarische System mit dem Reichstag an der Spitze zeichnete sich durch
eine Vielzahl von Parteien und einen ständigen Wechsel der Koalitionen aus, was
eine Atmosphäre politischer Instabilität schuf. Die Innenpolitik wurde ständig
von der Last der Reparationen, einer gigantischen Inflation und dem Druck
extremer Kräfte – sowohl der radikalen Linken als auch der aufstrebenden
Nationalisten – überschattet. Das dem Präsidenten eingeräumte Recht, in
Krisenzeiten per Dekret zu regieren, wurde schließlich zu dem Instrument, das
die Demokratie selbst untergrub.
Auf der Bühne der Außenpolitik legte die Weimarer
Republik einen schwierigen Weg vom Status eines internationalen Parias (die
Isolation von anderen Ländern) bis hin zum Versuch der Rückkehr in die Familie
der Großmächte zurück. Eine Schlüsselfigur war hier Gustav Stresemann, unter
dessen Führung die Verträge von Locarno unterzeichnet wurden und Deutschland in
den Völkerbund aufgenommen wurde. Dies war der Versuch, die Bedingungen des
Versailler Friedensvertrages nicht durch Gewalt, sondern durch Diplomatie zu
mildern. Dennoch blieb das „Versailler Diktat“ in den Augen der Öffentlichkeit
eine nicht heilende Wunde, und rechte Kräfte fälschten beharrlich das Narrativ
vom „Dolchstoß“, indem sie behaupteten, das Heer sei nicht auf dem Schlachtfeld
besiegt, sondern von den Politikern verraten worden – ein giftiges Fundament
für die künftige Revanchepolitik.
Die Weimarer Gesellschaft war unglaublich dynamisch,
gespalten und modern. In den Städten, vor allem in Berlin, formte sich ein
neuer Lebensstil: Frauen erkämpften sich das Wahlrecht und begannen, ihr Haar
kurz zu tragen, Leuchtreklamen erstrahlten in den Straßen, und das Nachtleben
in den Kabaretts wurde zum Symbol für Befreiung und Dekadenz. Es war eine Zeit,
in der alte preußische Werte – Disziplin und Gehorsam – auf amerikanisierte
Massenkultur, Jazzmusik und das Radio trafen. Doch diese Moderne hatte auch
ihre Schattenseiten: Die Provinz und konservative Schichten beobachteten den
moralischen Verfall Berlins mit Abscheu, während die Massenarbeitslosigkeit und
wirtschaftliche Unsicherheit nach der Krise von 1929 die Armut in jedes
deutsche Heim zurückbrachten.
Das kulturelle und intellektuelle Leben erreichte in
der Weimarer Zeit eine Intensität, wie sie Deutschland kaum jemals wieder
erlebte. Es war die Ära des Expressionismus, der Neuen Sachlichkeit und
radikaler Experimente. In der Architektur löste die von Walter Gropius
gegründete „Bauhaus“-Schule eine Revolution aus, indem sie Funktionalität und
Minimalismus propagierte. Das Kino erlebte seine goldene Ära mit Meisterwerken
wie Fritz Langs Metropolis oder F.W. Murnaus Nosferatu. Auch die Wissenschaft
schlief nicht – zu dieser Zeit arbeiteten Albert Einstein und Max Planck in
Berlin und machten die Stadt zum Welzentrum der Physik. Es war eine
intellektuelle Explosion auf dem Gipfel eines Vulkans, wo sich die Kreativität
aus der allgegenwärtigen Spannung speiste.
Auch das literarische Feld war brillant und diktierte
die Mode in ganz Europa. Thomas Mann hielt in seinem Roman Der Zauberberg die
geistige Krise Europas fest, während sein Bruder Heinrich Mann die alte
Gesellschaftsordnung gnadenlos kritisierte. Erich Maria Remarque erschütterte
die Welt mit seinem Roman Im Westen nichts Neues, indem er die Schrecken des
Krieges beschrieb, und Bertolt Brecht veränderte zusammen mit Kurt Weill das
Theater durch seine Dreigroschenoper. Diese Persönlichkeiten schufen nicht nur
Kunst, sondern beteiligten sich aktiv an politischen Diskussionen und
versuchten zu verstehen, wohin sich ihr zerrissenes Land bewegte. Leider
mussten viele dieser Lichtgestalten 1933 fliehen, während ihre Bücher in den
Scheiterhaufen der Nazis brannten.
DAS SEXUELLE LEBEN IM WEIMARER
DEUTSCHLAND:
PARAGRAPH 175, SEXPARTYS, DROGEN UND DER
BEFREITE KÖRPER
Die Weimarer Ära in Berlin wurde, wie Historiker
sagen, zu einem Laboratorium der sexuellen Befreiung, in dem die moralischen
Ketten der alten Welt über Nacht zerbrachen. Nach der Katastrophe des Ersten
Weltkriegs spürte die deutsche Gesellschaft, insbesondere die junge Generation,
den Atem des Todes und beschloss, so zu leben, als gäbe es kein Morgen. Dies
gebar ein einzigartiges, dekadentes und grenzenlos freies Berlin – eine Stadt,
die zur weltweiten Hauptstadt der Sexualität wurde. Die Einstellung zum menschlichen
Körper änderte sich radikal: Nacktheit war nicht mehr nur eine Quelle der
Scham, sie wurde zum Symbol für Moderne, Hygiene und Freiheit. Das
Masseninteresse an Körperkultur, Nudismus und expressionistischem Tanz befreite
die Deutschen von Korsetts und steifen Anzügen und verwandelte den Körper in
eine Leinwand, auf der ein neuer, furchtloser Mensch gezeichnet wurde.
Das Berliner Nachtleben glich einem psychedelischen
Karneval, in dem die Grenzen zwischen Geschlechtern, Klassen und Nationalitäten
einfach verschwammen. In den Straßen der Stadt glitzerten tausende
Vergnügungsstätten – von luxuriösen Ballsälen bis hin zu rauchgeschwängerten
Kellern, in denen sich Jazzrhythmen buchstäblich mit Kokainstaub vermischten.
Drogen, insbesondere Kokain und Morphium, wurden zu einem untrennbaren Teil des
nächtlichen Treibens und schenkten einer unter Inflation und Nachkriegstraumata
leidenden Gesellschaft eine künstliche Euphorie. In den Kabaretts traten
Künstler auf, die traditionelle Werte mutig verspotteten, und die Atmosphäre
war von Erotik und intellektuellem Zynismus durchdrungen, was das Gefühl
vermittelte, die ganze Stadt nehme an einer einzigen großen, ununterbrochenen
Orgie teil.
In diesem Umfeld der Freiheit nahmen Homosexuelle und
Transgender-Personen einen besonderen Platz ein, für die Berlin zu einem
sicheren Hafen wurde. Obwohl der § 175 des deutschen Strafgesetzbuches, der
männliche Homosexualität unter Strafe stellte, formal noch in Kraft war, wurde
er in der Weimarer Republik nur zögerlich oder gar nicht angewandt. Dies
ermöglichte das Aufblühen der weltweit ersten offenen schwulen Subkultur: Es
gab hunderte spezialisierte Clubs, Bars und Cafés, die ersten Zeitschriften für
Schwule und Lesben wurden herausgegeben, und in den Straßen fanden farbenfrohe
Drag-Partys statt. Männer in Kleidern und Frauen im Smoking mit Monokel waren
keine Seltenheit, sondern eher das Abbild des modischen und emanzipierten
Berliners, der alle Stereotypen sprengte.
Das Zentrum dieser Bewegung war Dr. Magnus Hirschfeld
(1868–1935), ein jüdischer Arzt und Pionier, den Zeitgenossen den „Einstein des
Sex“ nannten. 1919 gründete er in Berlin das Institut für Sexualwissenschaft,
die weltweit erste Einrichtung dieser Art. Hirschfeld widmete sein Leben dem
wissenschaftlichen Nachweis, dass Homosexualität eine natürliche Variante und
keine Krankheit oder ein Verbrechen ist. Sein Motto „Durch Gerechtigkeit zur
Liebe“ klang wie ein Manifest, und das Institut wurde zum Zufluchtsort für
Transpersonen, denen dort sogar sogenannte „Transvestitenscheine“ ausgestellt
wurden, die sie vor polizeilicher Verfolgung schützten. Zudem wurden dort die
weltweit ersten geschlechtsangleichenden Operationen durchgeführt.
Hirschfeld war ein unermüdlicher Kämpfer gegen den §
175 und organisierte Petitionen, die von Größen wie Albert Einstein oder Thomas
Mann unterzeichnet wurden. Doch seine Arbeit erregte den Zorn der aufstrebenden
Rechtsradikalen. Als die Nationalsozialisten an die Macht kamen, wurde sein
Institut das erste Opfer – 1933 wurde die Bibliothek öffentlich verbrannt, und
der Doktor selbst starb 1935 im Exil in Frankreich, während er zusehen musste,
wie sein Lebenswerk in Asche aufging.
Neben Hirschfeld prägten andere schillernde
Persönlichkeiten die sexuelle Moderne Berlins, wie etwa Anita Berber – die
skandalöse Tänzerin und Schauspielerin, deren Auftritte oft in völliger
Nacktheit oder Drogenkonsum direkt auf der Bühne endeten. Sie verkörperte die
wilde, destruktive Energie Weimars. Auch Christopher Isherwood, der englische
Schriftsteller, darf nicht vergessen werden; seine Berliner Tagebücher wurden
später zur Grundlage für das Musical Cabaret. Diese Berühmtheiten schufen den
Mythos von Berlin als einem Ort, an dem jeder er selbst sein konnte, ungeachtet
seiner unkonventionellen Wünsche.
Dieser Aufbruch war das Ergebnis eines einzigartigen
Zusammentreffens historischer Umstände: ein post-imperiales Vakuum,
gigantischer technologischer Fortschritt und eine tiefe Desillusionierung
gegenüber der alten Moral. Als die alte Ordnung zusammenbrach, hatten die
Menschen nichts mehr zu verlieren und stürzten sich in die Suche nach Vergnügen
als eine Form des politischen Protests. Das Weimarer Deutschland wurde zu einem
kurzen, aber hellen Aufblitzen zwischen zwei Dunkelheiten – dem kaiserlichen Konservatismus
und dem Nazi-Totalitarismus.
WIE EXTREME NATIONALISTEN DIE IDEE DER
SEXUELLEN FREIHEIT ZERSTÖRTEN
Die Dämmerung der Weimarer Republik war von einer
tiefen gesellschaftlichen Erschöpfung geprägt. Inflation und Arbeitslosigkeit
schufen einen Nährboden, auf dem radikale Moderne nicht mehr als Fortschritt,
sondern als moralischer Verfall und Zeichen von Schwäche umgedeutet wurde. Der
menschliche Körper, der gerade noch in Jazzclubs seine Emanzipation gefeiert
hatte, wurde plötzlich zum Objekt von Angst und Misstrauen. Diese kollektive
Erschöpfung nutzten die nationalistischen Kräfte meisterhaft aus, indem sie
Ordnung gegen strenge Kontrolle versprachen und sexuelle Freiheit als
„Fremdkörper“ darstellten, der den gesunden Volkskörper vergifte.
Hitlers Machtübernahme 1933 bedeutete das brutale Ende
jeglicher körperlicher Souveränität. Die NS-Ideologie betrachtete den Menschen
nur noch durch das Prisma der Eugenik und der Rassenreinheit. Der Körper
gehörte nicht mehr dem Individuum – er wurde Staatseigentum, ein biologisches
Instrument zur Stärkung der „arischen Rasse“. Sexuelle Freiheit wurde als
„Entartung“ gebrandmarkt. Es war eine radikale Abkehr vom Vergnügen hin zur
Pflicht, bei der der weibliche Körper zur Fortpflanzungsmaschine und der männliche
zum bedingungslos gehorchenden Soldaten reduziert wurde.
Berlin wurde systematisch von allen Spuren des
Liberalismus gereinigt. Der § 175 wurde zu einem unerbittlichen Werkzeug, um
Homosexuelle in Konzentrationslager zu schicken, während Drag-Partys durch
militarisierte Paraden ersetzt wurden. Die Angst vor Sexualität und dem Körper
wurde zur politischen Waffe: Die Nazis überzeugten die Massen, dass Freiheit
ein Krankheitssymptom sei und die Unterwerfung unter eine disziplinierte Rasse
die wahre geistige Gesundheit darstelle.
Letztendlich wurde das, was in der westlichen
Geschichte am modernsten gewesen war, in kürzester Zeit in Schutt und Asche
gelegt. Die Weimarer Republik bleibt eine Mahnung, dass Freiheit zerbrechlich
ist und Totalitarismus immer mit dem Versuch beginnt, die intimsten Bereiche
des menschlichen Lebens zu beherrschen.
M. S.

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